Den Zwängen ent-wachsen

Eine Einführung in die Forderungen der Degrowth-Bewegung und welche Visionen sie für die Landwirtschaft bereithalten kann.

Degrowth heißt auf deutsch grob übersetzt: „Ent-Wachsen“. Das steht zum Einen für die Abkehr vom Zwang des ewigen wirtschaftlichen Wachstums und zum Andern für die politische Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Damit verknüpft steht es auch für die Frage, wie wir leben müssen, um unser aller Lebensgrundlagen nicht weiter zu zerstören: Luft, Wasser, Boden, Essen, Gesundheit, Gerechtigkeit, Vielfalt, Zeit …

Vom 29. Mai bis zum 1. Juni fand in Wien eine Konferenz der internationalen Degrowth-Bewegung statt – eine von mehreren in den letzten Jahren. Eigentlich hätte es Vorträge und Workshops geben sollen, doch angesichts der Corona-Pandemie trafen sich die Vortragenden und Zuhörer*innen online, in virtuellen Räumen. Trotzdem – oder gerade deswegen? – nahmen mehr als 4.000 Menschen aus der ganzen Welt teil.

Expert_innen und Aktivist_innen sprechen über Aufbau und (Weiter-)entwicklung sozialer und ökologisch nachhaltiger Ernährungssysteme.

Was ist Degrowth?

Zugegebenermaßen ist der Begriff etwas sperrig: Er existiert erst seit 2008, als die erste offizielle Degrowth-Konferenz in Paris stattfand. Geprägt haben ihn mehr akademische Kreise, als politische oder aktivistische. Und er ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Was verbindet Menschen, die sich politisch für ein „Ent-Wachsen“ oder „Rück-Wachsen“ der Gesellschaft einsetzen?

Auf dem Eröffnungspanel der Konferenz in Wien gab die Aktivistin und Wissenschaftlerin Brototi Roy eine griffige Zusammenfassung: Zuerst einmal steht Degrowth für eine Analyse der Gegenwart. Die kapitalistische, steigerungsorientierte Art und Weise, in der die global vernetze Gesellschaft derzeit wirtschaftet, ist nicht tragbar. Ungebrochen wird in nationaler und internationaler Politik an der Notwendigkeit von wirtschaftlichem Wachstum festgehalten, um ein Wohlergeben der Weltbevölkerung zu ermöglichen. – Doch statt Wohlergehen sehen wir seit Jahrzehnten den Verbrauch von mehr und mehr Ressourcen, die Zerstörung der natürlichen Umwelt, und wachsende soziale Ungleichheit. Was und wie produziert und verteilt wird richtet sich nicht an den Bedürfnissen von Menschen und der Natur aus, sondern daran, wieviel Profit eine Ware oder eine Dienstleistung für möglichst wenig Kosten auf dem Markt verspricht. Das macht uns krisenanfällig. Eben das zeigt sich gerade jetzt während der Covid-19-Pandemie angesichts unterfinanzierter Gesundheitsinfrastruktur und angesichts der Abhängigkeit unserer Grundversorgung von globalen Lieferketten und der Reisefreiheit günstiger Arbeitskräfte. Und wir erleben es schon länger durch die Klimakrise.

Von Systemkrisen zum Systemwandel

Degrowth ist aber nicht nur Kritik am Ist-Zustand, sondern auch die Forderungen nach tiefgreifender Transformation. Die Vertreter*innen der Degrowth-Bewegung wollen nicht nur eine Zukunft gestalten, die weniger ressourcenintensiv ist. Sie wollen auch, dass diese Zukunft von allen demokratisch mitgestaltet werden kann. Dafür gilt es, die scheinbare Notwendigkeit nach wirtschaftlichem Wachstum zu hinterfragen. Wirtschaften bedeutet mehr, als Exportbilanzen und Bruttonationalprodukte. Ganz grundsätzlich heißt Wirtschaften, was und wieviel, wie, wo, von wem und für wen hergestellt, gebaut, instandgehalten, oder verteilt wird. Diese Themen sind zutiefst politisch, doch im Moment können die Allerwenigsten an den Entscheidungen teilhaben. Stattdessen formt die Macht von Konzernen und die „alternativlose“ Ausrichtung nationaler Gesetzgebung und internationaler Handelsvereinbarungen an Wachstum die Art des Wirtschaftens. Zumeist können wir nur durch Konsumentscheidungen signalisieren, dass wir nicht in einer Welt mit zerstörten Lebensgrundlagen, unter Ausbeutung von Arbeitskraft und dem Druck zur Selbstoptimierung leben möchten. Aber das reicht nicht – das ist von wirklicher Teilhabe sehr weit entfernt.

„Ent-Wachsen“ meint nicht einfach das Schrumpfen von Produktion und Handel, sondern fordert Platz für sprießende Alternativen und demokratische Kontrolle ökonomischer Weichenstellungen von allen, die die ökologischen und sozialen Konsequenzen tragen. Ein gutes Leben für alle und die damit verbundene Gesundheit des Planeten müssen über Profiten stehen.

Wachsen und „Ent-Wachsen“ in der Landwirtschaft

Zum „guten Leben für alle“ gehört freilich auch, was wir essen, sowie die Lebensbedingungen für jene, die dieses Essen herstellen. Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik wurde in dem Panel ‚Degrowing the Food Sector: How to build democratic food policies‘ diskutiert. Gerade in der Entwicklung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zeigt sich deutlich, wie profitorientierter Steigerungsdruck vielfältige negative Folgen mit sich bringt: Höfe schließen überall auf der Welt, weil sie mit Billigimporten oder der Agrarindustrie nicht mithalten können. Die Vielfalt von lokal angepassten Kulturlandschaften und von agrarischen Ökosystemen weicht dünger-, spritzmittel- und treibstoffintensiven Monokulturen, weil so schneller, standardisierter und mehr produziert werden kann. Mehr für Exporte, mehr für die weiterverarbeitende Industrie. Bäuer*innen sind oft abhängig von wenigen, großen Molkereien, Mühlen, Saatgutvertreibern, oder Einzelhandelsketten. Preise für Agrarprodukte werden niedrig gehalten durch Handelsregulierungen und Subventionspolitik. Auflagen und Hygienevorschriften, die an industrielle Maßstäbe angepasst sind, machen es Bäuer*innen schwer, ihre Erzeugnisse selbst weiterzuverarbeiten oder zu vertreiben, wodurch sie besser von ihrer Arbeit leben könnten. Der Druck ist groß, sich zu spezialisieren und zu wachsen, um sich über Wasser zu halten.

Degrowth trifft Ernährungssouveränität

Die kritische Diagnose der Degrowth-Bewegung kommt damit zentralen Positionen von La Via Campesina und der Bewegung für Ernährungssouveränität nahe: Der weiterhin propagierte Wachstumsdruck führt zu einer Landwirtschaft, die Menschen und Umwelt ausbeutet. Dieser führt außerdem zu einer Schwächung von Demokratie: Bäuer*innen, aber auch Konsument*innen, können so kaum den Wert und die Politik rund um Lebensmittel mitgestalten. Dieser „Strukturwandel“ weg von kleinstrukturierter, lokaler und vielfältiger Landwirtschaft, hin zu Großbetrieben, ist nicht einfach ein unvermeidlicher, natürlicher Prozess. Er ist die Folge bestimmter politischer Rahmenbedingungen und der ihnen zugrunde liegenden Ideologien.

Dagegen braucht es radikal andere Visionen: Von demokratischer Ernährungspolitik und Agrarökologie. Es braucht praktisches Experimentieren und gleichzeitig Einflussnahme auf relevante Entscheidungsträger*innen auf nationaler wie internationaler Ebene. „Ent-wachsene“ Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme wären getragen vom Prinzip des Rechts aller auf angemessene Nahrung – davon, dass Essen nicht einfach als freie Ware behandelt wird, sondern eher als Teil öffentlich zu gewährleistender Grundversorgung. So ähnlich wie bei Wasser, Strom und Infrastruktur. Verschiedene Wege der Mitgestaltung an der Produktion von Lebensmitteln und damit auch von den Kulturlandschaften und Lebensweisen, die mit ihr verbunden sind, müssten entwickelt und aktuelle Machtmonopole abgebaut werden. Landwirtschaft wäre nicht nur Produktionsstätte, sondern auch anerkannt und wertgeschätzt als Ort, wo Menschen arbeiten und leben, wo Geschlechtergerechtigkeit und Bodenfruchtbarkeit zentral sind, und wo vielfältige Ökosysteme Platz haben.

Geneviève Savigny zur Bedeutung sozialer und bäuerlicher Bewegungen
im Kampf um demokratische Agrar- und Handelspolitik auf EU-Ebene

Der Weg ist lang. Doch auf der Konferenz wurde sichtbar, wie viele visionäre Alternativen zum Wachstums-Mainstream es schon längst gibt: Solidarische Landwirtschaften, Kollektive, Bürgergenossenschaften, progressive Stadt- und Regionalräte, global solidarische soziale Bewegungen wie La Via Campesina, etc. In Wien konnten sich viele Kritiken, Visionen, praktische Initiativen und konkrete Utopien versammeln. Und solche Orte waren immer schon ein fruchtbarer Boden für Alternativen.

von Lisa Francesca Rail (Anthropologin; aktiv in der Bewegung
für Ernährungssouveränität und bei der ÖBV-Via Campesina Austria)

Dieser Artikel ist davor in der ÖBV-Zeitschrift “Wege für eine bäuerliche Zukunft”, Ausgabe Nr. 362, erschienen. Die Zeitschrift kann hier abonniert werden.

De-growing the food sector

Das gesamte Lebensmittelsystem muss radikal verändert werden, um gesunde und nahrhafte Lebensmittel für alle und innerhalb der planetaren Grenzen bereitzustellen. Im Rahmen der Degrowth Konferenz, die heuer erstmals online stattfindet, möchten wir unter dem Titel  “De-growing the Food Sector” bereits erfolgreiche Strategien bestehender Lebensmittelinitiativen kennenlernen, diskutieren und gemeinsam Erkenntnisse für eine Degrowth-Gesellschaft ableiten.  

Bei der Consecutive Session “Food” diskutieren wir daher mit Akteuren, die bereits erfolgreiche Bewegungen und Initiativen zur Transformation des Ernährungssystems in Richtung einer Degrowth Gesellschaft gestartet haben. Das Programm wird in Englisch und Deutsch stattfinden. Hier geht es zum Progamm in Deutsch und Englisch.


Gutes Essen für alle! Aber wie?

Tagung für Ernährungssouveränität Bericht über das Nyéléni Herbstforum

Vom 1.-3.November 2019 fand die Tagung für Ernährungssouveränität in der „Schule des Ungehorsams“ in der Tabakfabrik Linz statt.  Über das ganze Wochenende haben mehr als 200 Interessierte diskutiert, sich vernetzt und gemeinsame Perspektiven, sowie Hürden aufgezeigt.

Dabei war das große Thema des diesjährigen Forums „Gutes Essen für alle – aber wie?“.

Welches Essen wollen wir? Heute und in der Zukunft? Unter welchen Bedingungen wird es produziert?  Wer kann es sich leisten? Wer steht am Herd? Welche Verantwortung tragen Konsument*innen?

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Gutes Essen für alle! Aber wie?

Tagung für Ernährungssouveränität
Schule des Ungehorsams, Tabakfabrik Linz
Bildungsanstalt für Elementarpädagogik (
BAfEP
1.-3.11.2019

Welches Essen wollen wir? Heute und in der Zukunft? Unter welchen Bedingungen wird es produziert? Wer kann es sich leisten? Wer steht am Herd? Welche Verantwortung tragen Konsument*innen? Die Bewegung für Ernährungssouveränität öffnet unsere Gestaltungsspielräume für eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung. Das braucht Engagement und Ideen von vielen und auf unterschiedlichen Ebenen. Wir laden alle Interessierten ein dabei zu sein! Programm und Anmeldung und Facebook.

Nyéléni-Frühjahrstreffen 2019

Gemeinsam wollen wir eine der größten Herausforderungen unserer Zeit thematisieren: Gutes Essen für alle! Die Produktion und Verteilung unseres Essens betrifft uns alle – Ernährungssouveränität ist ein Menschenrecht. Die Veränderungen des Klimas müssen in unseren Konsumentscheidungen und der Gestaltung der Lebensmittelpolitik bedacht werden.

Wir möchten informieren, diskutieren und Gruppenprozesse aktivieren. Unser vielfältiges Programm umfasst folgende Themen:

  • Crashkurs Ernährungssouveränität – Wie aktiv werden?
  • Soja: Film und Diskussion über die negativen Auswirkungen des Sojabooms auf Mensch und Natur in Lateinamerika.
  • Hofführung Biohof Vogt
  • Frauen in der Landwirtschaft
  • Arbeitsbedingungen in der Erntehilfe in Österreich und was wir tun können
  • Einflüsse der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) auf die Land- und Lebensmittelwirtschaft und welche alternativen Gestaltungformen in Form einer demokratischen Lebensmittelpolitik es aktuell gibt.
  • Gemeinsam analysieren (und recherchieren) wir die EU-Verantwortung für „Blutzucker“-Importe aus Kambodscha
  • Wege aus der Krise – Lebensmittelpolitik als Alternative

Hier findest du das vollständige Programm!

Das war das Nyéléni Herbsttreffen 2018 in Kärnten

Die Nyéléni Bewegung hat alle Interessierten vom 2.-4. November in den Lorenzhof „Live Together“ eingeladen, um gemeinsam an verschiedenen Themen rund um das Thema Ernährungssouveränität zu arbeiten. Der Auftakt wurde mit der Vorführung des Filmes „Count-Down am Xingu“ im Villacher Kino gemacht. Die Dokumentation zeigte anschaulich, wie Akteure in Wirtschaft und Politik die Lebensräume unzähliger Menschen opfern wollen um den Bau des gigantischen Belomonte Staudammes für die Aluminiumproduktion voranzutreiben. Weiterlesen

Wir haben eure Agrarpolitik satt!

Hinter dicken Schlossmauern treffen sich am 25. September die AgrarministerInnen der EU-Mitgliedsstaaten, um die Weichen für die Landwirtschaft und Ernährung der Zukunft stellen. Statt einer grundlegenden Kurskorrektur wird ein „Weiter-wie-bisher“ aufgetischt. Diese Politik hat uns Höfesterben und Agrarfabriken eingebrockt und verschärft die Klimakrise. Als KonsumentInnen, Bauern und Bäuerinnen und ArbeiterInnen müssen wir jetzt auslöffeln? Wir haben es satt! Deshalb schlagen wir Alarm!

Wann: Dienstag, 25. September um 8:00 Uhr
Wo: Schloßhof 1, 2294 Schloßhof (Karte: Open Source Map für die Aktion)

Wir stehen für eine kleinbäuerliche Landwirtschaft, die das Klima schont, für artgerechte Tierhaltung, gerechten Handel, gute Arbeitsbedingungen und gutes Essen für alle!

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Ernährungssouveränität im Hofer-Supermarkt?

„Zurück zum Ursprung“, die Bio-Eigenmarke vom Diskonter Hofer, will sich das positive Image von Ernährungssouveränität zu Nutze machen. „57% besser bei Ernährungssouveränität“ steht seit Neustem auf ihren Milchpackungen. Doch mit Ernährungssouveränität hat diese ökologische Aufhübschung nichts zu tun.

In einer Aktion am Nyéléni-Frühjahrstreffen ist dazu ein Video entstanden.

Mosaik-Blog: Fünf Gründe warum man Ernährungssouveränität nicht bei Hofer kaufen kann, von Julianna Fehlinger und Lisa Rail

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Nyéléni Frühjahrstreffen am Klimacamp

Gutes, gesundes und lokal angepasstes Essen für alle Menschen zugänglich zu machen ist die Vision der Bewegung für Ernährungssouveränität. Dieses scheinbar einfache Ziel ist eine riesige Herausforderung für unsere Gesellschaft: Millionen von Menschen leiden an Hunger und Mangelernährung und sind gezwungen, sich von ungesunden Nahrungsmitteln zu ernähren, die unter Ausbeutung von Menschen und Natur produziert werden. Ernährungssouveränität setzt den akuten Krisen unserer Zeit die Vision einer bäuerlichen und vielfältigen Landwirtschaft, die unser Klima schützt entgegen. Dazu müssen jene die Lebensmittel produzieren, verarbeiten und verteilen, mitentscheiden, wie wir uns künftig ernähren.

Das diesjährige Frühjahrtreffen der Bewegung für Ernährungssouveränität wird vom 30. Mai – 02. Juni 2018, angegliedert an das Klimacamp stattfinden. Die Zelte des Camps werden in Obersdorf bei Wolkersdorf (20 Minuten mit der S- Bahn von Wien) auf dem Hof von ÖBV-Bäuerin Maria Vogt aufgeschlagen.

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