Über ÖBV - Via Campesina Austria

Die ÖBV wurde 1974 als Österreichische Bergbauern- und -bäuerinnenvereinigung gegründet. Ursprünglich als basisdemokratische Interessensvereinigung von Bergbauern und Bergbäuerinnen gedacht, entwickelte sie sich im Lauf der Jahrzehnte zum Sprachrohr und zur „geistigen Heimat” von Berg- und KleinbäuerInnen in ganz Österreich. Dieser Weiterentwicklung wurde 2005 mit der Umbenennung in ÖBV-Via Campesina Austria (übersetzt: der kleinbäuerliche Weg) Rechnung getragen.

Den Zwängen ent-wachsen

Eine Einführung in die Forderungen der Degrowth-Bewegung und welche Visionen sie für die Landwirtschaft bereithalten kann.

Degrowth heißt auf deutsch grob übersetzt: „Ent-Wachsen“. Das steht zum Einen für die Abkehr vom Zwang des ewigen wirtschaftlichen Wachstums und zum Andern für die politische Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Damit verknüpft steht es auch für die Frage, wie wir leben müssen, um unser aller Lebensgrundlagen nicht weiter zu zerstören: Luft, Wasser, Boden, Essen, Gesundheit, Gerechtigkeit, Vielfalt, Zeit …

Vom 29. Mai bis zum 1. Juni fand in Wien eine Konferenz der internationalen Degrowth-Bewegung statt – eine von mehreren in den letzten Jahren. Eigentlich hätte es Vorträge und Workshops geben sollen, doch angesichts der Corona-Pandemie trafen sich die Vortragenden und Zuhörer*innen online, in virtuellen Räumen. Trotzdem – oder gerade deswegen? – nahmen mehr als 4.000 Menschen aus der ganzen Welt teil.

Expert_innen und Aktivist_innen sprechen über Aufbau und (Weiter-)entwicklung sozialer und ökologisch nachhaltiger Ernährungssysteme.

Was ist Degrowth?

Zugegebenermaßen ist der Begriff etwas sperrig: Er existiert erst seit 2008, als die erste offizielle Degrowth-Konferenz in Paris stattfand. Geprägt haben ihn mehr akademische Kreise, als politische oder aktivistische. Und er ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Was verbindet Menschen, die sich politisch für ein „Ent-Wachsen“ oder „Rück-Wachsen“ der Gesellschaft einsetzen?

Auf dem Eröffnungspanel der Konferenz in Wien gab die Aktivistin und Wissenschaftlerin Brototi Roy eine griffige Zusammenfassung: Zuerst einmal steht Degrowth für eine Analyse der Gegenwart. Die kapitalistische, steigerungsorientierte Art und Weise, in der die global vernetze Gesellschaft derzeit wirtschaftet, ist nicht tragbar. Ungebrochen wird in nationaler und internationaler Politik an der Notwendigkeit von wirtschaftlichem Wachstum festgehalten, um ein Wohlergeben der Weltbevölkerung zu ermöglichen. – Doch statt Wohlergehen sehen wir seit Jahrzehnten den Verbrauch von mehr und mehr Ressourcen, die Zerstörung der natürlichen Umwelt, und wachsende soziale Ungleichheit. Was und wie produziert und verteilt wird richtet sich nicht an den Bedürfnissen von Menschen und der Natur aus, sondern daran, wieviel Profit eine Ware oder eine Dienstleistung für möglichst wenig Kosten auf dem Markt verspricht. Das macht uns krisenanfällig. Eben das zeigt sich gerade jetzt während der Covid-19-Pandemie angesichts unterfinanzierter Gesundheitsinfrastruktur und angesichts der Abhängigkeit unserer Grundversorgung von globalen Lieferketten und der Reisefreiheit günstiger Arbeitskräfte. Und wir erleben es schon länger durch die Klimakrise.

Von Systemkrisen zum Systemwandel

Degrowth ist aber nicht nur Kritik am Ist-Zustand, sondern auch die Forderungen nach tiefgreifender Transformation. Die Vertreter*innen der Degrowth-Bewegung wollen nicht nur eine Zukunft gestalten, die weniger ressourcenintensiv ist. Sie wollen auch, dass diese Zukunft von allen demokratisch mitgestaltet werden kann. Dafür gilt es, die scheinbare Notwendigkeit nach wirtschaftlichem Wachstum zu hinterfragen. Wirtschaften bedeutet mehr, als Exportbilanzen und Bruttonationalprodukte. Ganz grundsätzlich heißt Wirtschaften, was und wieviel, wie, wo, von wem und für wen hergestellt, gebaut, instandgehalten, oder verteilt wird. Diese Themen sind zutiefst politisch, doch im Moment können die Allerwenigsten an den Entscheidungen teilhaben. Stattdessen formt die Macht von Konzernen und die „alternativlose“ Ausrichtung nationaler Gesetzgebung und internationaler Handelsvereinbarungen an Wachstum die Art des Wirtschaftens. Zumeist können wir nur durch Konsumentscheidungen signalisieren, dass wir nicht in einer Welt mit zerstörten Lebensgrundlagen, unter Ausbeutung von Arbeitskraft und dem Druck zur Selbstoptimierung leben möchten. Aber das reicht nicht – das ist von wirklicher Teilhabe sehr weit entfernt.

„Ent-Wachsen“ meint nicht einfach das Schrumpfen von Produktion und Handel, sondern fordert Platz für sprießende Alternativen und demokratische Kontrolle ökonomischer Weichenstellungen von allen, die die ökologischen und sozialen Konsequenzen tragen. Ein gutes Leben für alle und die damit verbundene Gesundheit des Planeten müssen über Profiten stehen.

Wachsen und „Ent-Wachsen“ in der Landwirtschaft

Zum „guten Leben für alle“ gehört freilich auch, was wir essen, sowie die Lebensbedingungen für jene, die dieses Essen herstellen. Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik wurde in dem Panel ‚Degrowing the Food Sector: How to build democratic food policies‘ diskutiert. Gerade in der Entwicklung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zeigt sich deutlich, wie profitorientierter Steigerungsdruck vielfältige negative Folgen mit sich bringt: Höfe schließen überall auf der Welt, weil sie mit Billigimporten oder der Agrarindustrie nicht mithalten können. Die Vielfalt von lokal angepassten Kulturlandschaften und von agrarischen Ökosystemen weicht dünger-, spritzmittel- und treibstoffintensiven Monokulturen, weil so schneller, standardisierter und mehr produziert werden kann. Mehr für Exporte, mehr für die weiterverarbeitende Industrie. Bäuer*innen sind oft abhängig von wenigen, großen Molkereien, Mühlen, Saatgutvertreibern, oder Einzelhandelsketten. Preise für Agrarprodukte werden niedrig gehalten durch Handelsregulierungen und Subventionspolitik. Auflagen und Hygienevorschriften, die an industrielle Maßstäbe angepasst sind, machen es Bäuer*innen schwer, ihre Erzeugnisse selbst weiterzuverarbeiten oder zu vertreiben, wodurch sie besser von ihrer Arbeit leben könnten. Der Druck ist groß, sich zu spezialisieren und zu wachsen, um sich über Wasser zu halten.

Degrowth trifft Ernährungssouveränität

Die kritische Diagnose der Degrowth-Bewegung kommt damit zentralen Positionen von La Via Campesina und der Bewegung für Ernährungssouveränität nahe: Der weiterhin propagierte Wachstumsdruck führt zu einer Landwirtschaft, die Menschen und Umwelt ausbeutet. Dieser führt außerdem zu einer Schwächung von Demokratie: Bäuer*innen, aber auch Konsument*innen, können so kaum den Wert und die Politik rund um Lebensmittel mitgestalten. Dieser „Strukturwandel“ weg von kleinstrukturierter, lokaler und vielfältiger Landwirtschaft, hin zu Großbetrieben, ist nicht einfach ein unvermeidlicher, natürlicher Prozess. Er ist die Folge bestimmter politischer Rahmenbedingungen und der ihnen zugrunde liegenden Ideologien.

Dagegen braucht es radikal andere Visionen: Von demokratischer Ernährungspolitik und Agrarökologie. Es braucht praktisches Experimentieren und gleichzeitig Einflussnahme auf relevante Entscheidungsträger*innen auf nationaler wie internationaler Ebene. „Ent-wachsene“ Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme wären getragen vom Prinzip des Rechts aller auf angemessene Nahrung – davon, dass Essen nicht einfach als freie Ware behandelt wird, sondern eher als Teil öffentlich zu gewährleistender Grundversorgung. So ähnlich wie bei Wasser, Strom und Infrastruktur. Verschiedene Wege der Mitgestaltung an der Produktion von Lebensmitteln und damit auch von den Kulturlandschaften und Lebensweisen, die mit ihr verbunden sind, müssten entwickelt und aktuelle Machtmonopole abgebaut werden. Landwirtschaft wäre nicht nur Produktionsstätte, sondern auch anerkannt und wertgeschätzt als Ort, wo Menschen arbeiten und leben, wo Geschlechtergerechtigkeit und Bodenfruchtbarkeit zentral sind, und wo vielfältige Ökosysteme Platz haben.

Geneviève Savigny zur Bedeutung sozialer und bäuerlicher Bewegungen
im Kampf um demokratische Agrar- und Handelspolitik auf EU-Ebene

Der Weg ist lang. Doch auf der Konferenz wurde sichtbar, wie viele visionäre Alternativen zum Wachstums-Mainstream es schon längst gibt: Solidarische Landwirtschaften, Kollektive, Bürgergenossenschaften, progressive Stadt- und Regionalräte, global solidarische soziale Bewegungen wie La Via Campesina, etc. In Wien konnten sich viele Kritiken, Visionen, praktische Initiativen und konkrete Utopien versammeln. Und solche Orte waren immer schon ein fruchtbarer Boden für Alternativen.

von Lisa Francesca Rail (Anthropologin; aktiv in der Bewegung
für Ernährungssouveränität und bei der ÖBV-Via Campesina Austria)

Dieser Artikel ist davor in der ÖBV-Zeitschrift “Wege für eine bäuerliche Zukunft”, Ausgabe Nr. 362, erschienen. Die Zeitschrift kann hier abonniert werden.

Gutes Essen für alle! Aber wie?

Tagung für Ernährungssouveränität Bericht über das Nyéléni Herbstforum

Vom 1.-3.November 2019 fand die Tagung für Ernährungssouveränität in der „Schule des Ungehorsams“ in der Tabakfabrik Linz statt.  Über das ganze Wochenende haben mehr als 200 Interessierte diskutiert, sich vernetzt und gemeinsame Perspektiven, sowie Hürden aufgezeigt.

Dabei war das große Thema des diesjährigen Forums „Gutes Essen für alle – aber wie?“.

Welches Essen wollen wir? Heute und in der Zukunft? Unter welchen Bedingungen wird es produziert?  Wer kann es sich leisten? Wer steht am Herd? Welche Verantwortung tragen Konsument*innen?

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Nyeleni Herbsttreffen in Kärnten

Programm
Forum für Ernährungssouveränität Kärnten, 2. – 4. November 2018
Ledenitzen, Kärnten – Lorenzhof, Denkmalweg 7

Mit Workshops und Vorträgen, Buchvorstellungen und Spielen werden wir uns dem Thema Ernährungssouveränität auf vielfältige Weise annähern. Auch wenn Du noch nicht viel weißt über Ernährungssouveränität, komm vorbei und werde Teil der Bewegung. Vorstellung von Initiativen für Ernährungssouveränität, Vernetzen mit anderen Gruppen, Aktionen planen – und natürlich gemeinsames Essen, all das wird Teil des Treffens sein. Weiterlesen

Wir haben eure Agrarpolitik satt!

Hinter dicken Schlossmauern treffen sich am 25. September die AgrarministerInnen der EU-Mitgliedsstaaten, um die Weichen für die Landwirtschaft und Ernährung der Zukunft stellen. Statt einer grundlegenden Kurskorrektur wird ein „Weiter-wie-bisher“ aufgetischt. Diese Politik hat uns Höfesterben und Agrarfabriken eingebrockt und verschärft die Klimakrise. Als KonsumentInnen, Bauern und Bäuerinnen und ArbeiterInnen müssen wir jetzt auslöffeln? Wir haben es satt! Deshalb schlagen wir Alarm!

Wann: Dienstag, 25. September um 8:00 Uhr
Wo: Schloßhof 1, 2294 Schloßhof (Karte: Open Source Map für die Aktion)

Wir stehen für eine kleinbäuerliche Landwirtschaft, die das Klima schont, für artgerechte Tierhaltung, gerechten Handel, gute Arbeitsbedingungen und gutes Essen für alle!

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Schweizer sammel über 100.000 Unterschriften für Ernährungssouveränität!

Ernährungssouveränität in die VerfassungAm 30.3. überreichte die Initiative für Ernährungssouveränität in Bern 109.655 beglaubigte Unterschriften an den Bundesrat und vollbrachte damit einen ersten Schritt um Ernährungssouveränität in der Schweizer Verfassung zu verankern. Es ist dies ein grosser Erfolg für die mehr als 70 beteiligten Orgnaisationen, allen voran Uniterre und L’autre Syndicat.

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TTIP und Co zerstören die bäuerliche Landwirtschaft

Chlorhuhn, Hormonfleisch und Gentechnik sind die prominentesten Beispiele für die Gefahren, die von TTIP, CETA und ähnlichen Abkommen im Bereich der Lebensmittelproduktion ausgehen. Während die agrarischen InteressensvertreterInnen nicht müde werden zu betonen, dass derart unappetitliche Produkte keinesfalls auf unseren Tellern landen werden, rennen US-amerikanische und europäische Agrar(chemie)konzerne den VerhandlerInnen beiderseits des Atlantiks die Türen ein.

Via Campasina Blogbeitrag Foto

Keine Branche lobbyiert so intensiv für TTIP wie die Agrar- und Lebensmittelindustrie – das sollte die Alarmglocken bereits zum Läuten bringen. Es ist erklärtes Interesse der US-Fleischindustrie, die europäischen Beschränkungen für den Import von Hormonfleisch – sowie auch der berühmten Chlorhühner – zu kippen. Zudem erhofft sich die europäische Lebensmittel- und Agrochemieindustrie mit TTIP endlich den Durchbruch im Bereich Gentechnik in der Landwirtschaft erreichen zu können. Was in den letzten Jahrzehnten in der EU nicht gelungen ist, soll durch den Druck der USA möglich werden. Gleiches gilt auch für Einschränkungen beim Pestizideinsatz, wie z.B. dem umstrittenen Verbot der bienengiftigen Neonicotinoide. Mithilfe der amerikanischen Konkurrenten wollen die betroffenen Agrochemieunternehmen die zuletzt erlittenen „Rückschläge“ bekämpfen.

In der EU gibt es derzeit etwa 13 Mio. landwirtschaftliche Betriebe mit einer durchschnittlichen Größe von 14 ha. 45% dieser Betriebe bewirtschaften weniger als 2 ha. Demgegenüber sind in den USA knapp über 2 Mio. Betriebe registriert, die durchschnittlich 170 ha bewirtschaften. Auch, wenn Durchschnittswerte Wirklichkeiten nivellieren – weil es natürlich auch in den USA KleinbäuerInnen gibt -, sprechen die Größenverhältnisse für sich. In der EU ist die agroindustrielle Landwirtschaft zumindest zahlenmäßig noch in der Minderheit, der Export von Produkten nur für eine geringe Zahl der LandwirtInnen relevant. Die EU-Landwirtschaft wäre bei einem schrankenlosen Handel mit dem Agroindustrieland USA wohl in der Rolle des Davids. Die KleinbäuerInnen in der EU, die schon durch die „hauseigene“ Konkurrenz um ihre Existenz kämpfen müssen, geraten noch weiter unter Druck.

Nicht zuletzt fragen wir uns, ob ein Ankurbeln des transatlantischen Handels mit Produkten, die auf beiden Seiten problemlos hergestellt werden können, im Interesse der BürgerInnen der USA und der EU liegen kann. Ist es angesichts des Klimawandels, von „peak oil“ und „plastic planet“ sinnvoll und nachhaltig, wenn ApfelproduzentInnen hier wie dort ihre Exportchancen erhöhen wollen, wenn Käse und Fleisch in noch größerer Menge verschifft werden? Auch und gerade im ökologisch so sensiblen Bereich Landwirtschaft darf Handel keinen Selbstzweck darstellen. Europäische BürgerInnen brauchen keine Chlorhühner, um gut leben zu können – unsere amerikanischen KollegInnen übrigens auch nicht.

Deswegen engagiert sich die ÖBV-Via Campesina Austria gemeinsam mit vielen anderen Organisationen im Aktionsbündnis TTIP STOPPEN gegen TTIP, CETA und Co und ruft zum globalen Aktionstag am 18. April 2015 auf!

Lesen Sie hierzu eine Studie vom Center for International Law unter http://ciel.org/Publications/LCD_TTIP_Jan2015.pdf.

Dieser Beitrag stammt von der ÖBV-Via Campesina Austria und wurde zuerst auf ttip-stoppen.at veröffentlicht.