Ein anderes Ernährungs- und Agrarsystem ist möglich! 1. Österreichisches Forum für Ernährungssouveränität (Presseaussendung)

Wien, 31.3.2014.
Von 13. bis 17. April 2014 findet das erste österreichische Forum für Ernährungssouveränität “Nyéléni Austria 2014″ im Schloss Goldegg in Salzburg statt. Das Forum wird etwa 300 Menschen versammeln und ist ein Meilenstein für die Bewegung für Ernährungssouveränität in Österreich. Bäuer_innen, kritische Konsument_innen, NGOs, Gewerkschafter_innen, Köch_innen, Landarbeiter_innen, Umweltschützer_innen, Wissenschafter_innen und viele andere werden fünf Tage lang über die brennenden Probleme im Ernährungs- und Agrarsystem diskutieren. Gemeinsam wird an konkreten Strategien und Alternativen für ein selbstbestimmtes, regionales, ökologisch und sozial verträgliches Agrar- und Ernährungssystem gearbeitet.

Zum Forum aufgerufen haben ÖBV-Via Campesina Austria, FIAN Österreich und Attac Österreich, die sich als Teil einer immer breiter werdenden österreichischen Bewegung für Ernährungssouveränität begreifen. Zur Vorbereitung fanden über 15 regionale Treffen in ganz Österreich statt, bei denen entlang von fünf Schwerpunktfeldern die dringendsten Themen für das Forum in Goldegg zusammengetragen wurden.

Problem Supermarktmacht

Als ein Hauptproblem der Lebensmittelverteilung wurde die entkoppelte Beziehung zwischen Bäuer_innen und Konsument_innen identifiziert, mitverursacht durch die Dominanz der Supermärkte. In Österreich kontrollieren drei Lebensmittelketten den Großteil des Einzelhandels und bestimmen so maßgeblich die Preise. Am Forum wird an Strategien gearbeitet, die transparente Wertschöpfungsketten, mehr Wertschätzung für die Produkte und die dahinterstehende Arbeit, sowie faire Preise für Produzent_innen und Konsument_innen ermöglichen. Denn es geht auch anders: So sprießen bereits Einkaufsgemeinschaften und FoodCoops in ganz Österreich aus dem Boden und ermöglichen Menschen, selbstorganisiert biologische Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen zu beziehen.

Produktionsbedingungen: Mehr als „Bio“

Neben der Verteilung von Lebensmitteln wird auch die Art und Weise wie Nahrungsmittel produziert werden ein Thema sein. Als Gegenentwurf zur energieintensiven, klimaschädlichen und industriellen Lebensmittelproduktion werden anpassungsfähige Produktionssysteme wie Agrarökologie diskutiert. Die Debatte wird über die bloße Forderung nach mehr „Bio“ hinausgehen. Es braucht Systeme, die gesunde Lebensmittel für alle Menschen zur Verfügung stellen, die Biodiversität schützen und das Wohlergehen von Tieren gewährleisten.

Prekäre Arbeitsbedingungen von Erntehelfer_innen

Die Arbeitsbedingungen unter denen unsere Nahrungsmittel produziert werden, bleiben meist im Verborgenen. Einerseits gilt das für die ungleichberechtigten Arbeitsverhältnisse zwischen Frauen und Männern, aber auch für die prekären Arbeitsbedingungen für die tausenden migrantischen Arbeiter_innen in der österreichischen Landwirtschaft. Letztes Jahr wurde das durch den Streik rumänischer und serbischer Erntehelfer_innen in Tirol eindrücklich vor Augen geführt.

Zugang zu Boden und Saatgut

Eine Grundvoraussetzung für die Zukunft einer bäuerlichen Landwirtschaft ist der Zugang zu Gemeingütern wie Land, für die Menschen, die darauf arbeiten. Besonders für junge anstrebende Bäuer_innen in Österreich tun sich hier große Hürden auf. In der Steiermark und Vorarlberg gibt es bereits Initiativen für Bodenfreikauf, die landwirtschaftliche Flächen dem freien Markt entziehen und sie stattdessen als Gemeingut bewirtschaften. Ein weiteres wichtiges Thema wird der freie Zugang zu Saatgut sein. In Österreich gibt es dafür ein großes Bewusstsein – über 400.000 Menschen beteiligten sich an einer Petition für die „Freiheit der Vielfalt“ gegen die auf EU-Ebene geplante Saatgutverordnung, die zuletzt erfolgreich gekippt wurde.

Andere politische Rahmenbedingungen

Obwohl die Bewegung für Ernährungssouveränität sich als Bewegung von unten versteht, geht es ihr auch um politische Rahmenbedingungen auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Am Forum werden deshalb auch politische Forderungen sowie Strategien der politischen Meinungsbildung diskutiert. Anders als wir es im Fall der Europäischen Agrarpolitik (GAP) erlebt haben, müssen die Beteiligten in einem demokratischen Prozess an den Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden. Teilhabe von Bürger_innen braucht es aber auch bei zahlreichen anderen Politikfeldern, wie z.B. dem Handelsabkommen TTIP, den Hygienerichtlinien oder dem Öffentlichen Beschaffungswesen.

Politische Rahmenbedingungen müssen sich an den Interessen der Menschen, nicht jenen der Unternehmen orientieren – an Werten wie Solidarität und Kooperation statt Konkurrenz, an der nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen, an grundlegenden Menschenrechten und an Gleichberechtigung.

Vertreter_innen der teilnehmenden Organisationen und Initiativen sowie internationale Gäste werden für Interviews zur Verfügung stehen. Ein Presseteam vor Ort wird Medienvertreter_innen begleiten und organisatorisch unterstützen.

Mehr Informationen zu Organisation und Hintergrund des Forums unter: www.ernährungssouveränität.at

Pressekontakt:

Brigitte Reisenberger brigitte.reisenberger@fian.at 0699 18 33 00 33

Programmübersicht:

Sonntag, 13. April:

18:00 – Auftakt und Speisereise: Essen aus ganz Österreich

Montag-Dienstag, 14./15. April:

Arbeitsgruppen zu den 5 Schwerpunktfeldern

Mittwoch, 16. April:

Präsentation der Ergebnisse, Regionaltreffen, Strategien & Aktionspläne

Donnerstag, 17.April:

Vormittag: Abschlussplenum

13:00-18:00 Uhr: Markt der Ideen zu Landwirtschaft und Ernährung

Ein bunter, künstlerischer, kulinarischer und musikalischer Nachmittag zum Thema Essen. Über Kultur- und Bildungsaktivitäten, Filme, Theater und Ausstellungen können alternative Möglichkeiten, Landwirtschaft und Ernährung zu gestalten, gefühlt, geschmeckt, gehört und bestaunt werden.

Hintergrund und Geschichte:

„Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. […] Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne.“

(Deklaration des weltweiten Forums für Ernährungssouveränität, Mali, Februar 2007)

+2007 fand in Mali ein internationales Forum für Ernährungssouveränität mit dem symbolischen Namen Nyéléni statt, dem Namen einer malischen Bäuerin. 500 Menschen aus aller Welt diskutierten über die notwendige Veränderung des Agrar- und Ernährungssystems.

www.nyeleni.org

+2011 wurde in Krems das erste europäische Forum für Ernährungssouveränität organisiert. Das Forum war ein wesentlicher Schritt, der die Bewegung europaweit gestärkt hat. www.nyelenieurope.net

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